„Thinking Hands“ – mit den Händen denken

Insbesondere in der Wissenschaft gilt es, höchst komplexe Inhalte verständlich und kongruent darzustellen und – im Sinne einer effizienten Lösungsfindung – dabei auch fremde Sichtweisen einzufangen.

Die bildende Künstlerin und arts-based Forscherin, Stephanie Guse hat im Zuge eines Gemeinschaftsprojektes mit Kolleginnen/Kollegen aus dem Bereich Illustration eine visuell-kollaborative Arbeitstechnik entwickelt. Gemeinsam mit Brainds Geschäftsführer Thomas Hotko hat sie diese Technik zu „Thinking Hands“, einem innovativen Workshop-Format, ausgebaut, das sich in der Praxis sehr bewährt. Im nachfolgenden Interview schildert Stephanie Guse die Entstehungsgeschichte von „Thinking Hands“ und erläutert die vielfältigen Vorzüge der neuen, multiperspektivischen Methodik.

Wie bist Du als bildende Künstlerin zur Wissenschaftskommunikation gekommen?
Seit einigen Jahren treffe ich mich regelmäßig mit Kolleginnen/Kollegen aus dem Bereich Illustration zu einer Aktion, bei der wir gemeinsam zu einem bestimmten Thema zeichnen. Unser Wunschgedanke war und ist, dass wir uns, fernab von Auftragsarbeiten des Berufslebens, zeichnerisch weiterentwickeln und zugleich unsere Freundschaft pflegen. Aus unserem Vorhaben hat sich spontan eine Arbeitstechnik aufgetan, bei der wir uns gegenseitig in die Bilder gemalt und die Blätter zu einem erzählerischen Gemeinschaftswerk zusammengefügt haben. Daraus sind auch Publikationen und Arbeiten entstanden, wie etwa der „Bettine-Fries” über das Leben der Bettine von Arnim, der im Goethehaus Frankfurt a. Main gezeigt wurde.

Meine Schwester, die als Biologin an der Universität Heidelberg forscht, war von unserer Arbeitsweise und den Ergebnissen so angetan, dass sie mich gemeinsam mit einer Kollegin, der Illustratorin Katrin Funcke aus Berlin, einlud, mit ihrem Forscher/innen-Team zu zeichnen. Ihr gefiel unsere kollaborative Arbeitsweise und vor allem die Idee, wissenschaftliche Erkenntnisse im Team verständlich zu visualisieren. Denn um Unterstützung für Forschungsprojekte zu gewinnen, wird es zunehmend wichtiger, die Themen auch für eine breite Öffentlichkeit nachvollziehbar zu machen.

Das Experiment mit den Biologinnen und Biologen in Heidelberg verlief sehr erfolgreich. Und bald war klar, dass wir hier ein neues Prinzip entwickelt hatten, mit dem – gemeinsam und disziplinenübergreifend – Forschung nicht nur kommuniziert, sondern auch vorangetrieben werden kann. Um dieses Prinzip festzuhalten und weiter erproben zu können, habe ich demselben dann auch meine Dissertation gewidmet.

Wie kamst Du auf die Idee, Deine neue Methodik „Thinking Hands“ zu nennen?
Der Begriff „Thinking Hands” bringt zum Ausdruck, dass Denken und Tun miteinander verknüpft sind. Mich interessiert stets, was möglich ist, wenn „über den Tellerrand hinaus” gedacht wird. Meiner Erfahrung nach passiert das vor allem, wenn unterschiedliche Positionen zusammenkommen, also etwas Überraschendes passiert. „Thinking Hands” vereint viele Ideen auf einem Papier und zwar in der „Sprache” einer Zeichnung, die jeder versteht. Und in der jeder gleichberechtigt etwas hinzufügen kann. Das ist eine besondere Chance für das Verständnis von Experten verschiedener Disziplinen und damit auch für unvorhergesehene Innovation.

Wie funktioniert „Thinking Hands“ in der Praxis?
Innerhalb eines 1,5 tägigen Workshops zeichnet jede/r Teilnehmer/in einer Forschungsgruppe anfänglich einen eigenen Beitrag zum gemeinsam definierten Thema wie etwa zum Stadium des Wachstums oder der Entwicklung eines Tieres oder einer Pflanze. Wir Künstler/innen leiten die Spezialist/innen an, ihren Part durch Zeichnung, Malerei oder Collage darzustellen. Die Bilder werden dann für alle einsehbar ausgelegt und in eine Reihenfolge, wie zum Beispiel gemäß dem Prozessablauf des Wachstums eines Organismus, gebracht. In einer anschließenden Gesprächsrunde müssen die Wissenschaftler/innen versuchen, auch uns Fachfremden ihr Forschungsfeld verständlich zu erklären. Diese Gespräche sind sehr wichtig, denn dabei wird deutlich, wie groß der Klärungsbedarf gegenüber Außenstehenden ist. Aber auch den eigenen Kolleginnen und Kollegen gegenüber muss man sich erklären können. Und – ab und an – sogar sich selbst.

In der nächsten Phase ist dann das Hinzufügen oder Wegnehmen gefordert: Jeder darf jedes Bild erweitern, verbessern, vervollständigen, reduzieren. Das ist der Punkt, wo das gemeinsame Denken sichtbar wird. Manchmal tut es auch weh, wenn jemand das Bild eines anderen zerschneidet, um Teile herauszulösen und woanders anzufügen. Aber gleichzeitig entsteht dabei auch ein Wir-Gefühl und Zufriedenheit darüber, wenn man merkt, dass man verstanden und das eigene Wissen visualisiert wird. Auch diese Phase ist von lebendigem Gesprächsaustausch begleitet. Und meistens haben sich die Teilnehmer/innen an dieser Stelle bereits „warmgezeichnet” und werden mutiger bei ihren Visualisierungen.

Der weitere Verlauf ist sehr vom Thema und den Teilnehmer/innen abhängig und wird von uns Künstler/innen ganz nach den Bedürfnissen der Gruppe gestaltet. Wird als Ergebnis zum Beispiel ein wissenschaftliches Poster angepeilt, müssen wir konzentrierter vorgehen als für eine umfangreichere Diashow für Vortragszwecke.

Unlängst wünschten sich die Workshop-Teilnehmer/innen spontan, ihr Thema kindgerecht zu kommunizieren, um ihre Forschung Kindern zugänglich zu machen. Daraus entstanden dann wundervolle Kinderbuchillustrationen.

Wie profitieren die Wissenschaftler resp. WS-Teilnehmer davon?
Positive Effekte zeichnen sich auf mehreren Ebenen ab. Zunächst auf jener der Wissenschaftskommunikation: Durch „ Thinking Hands“ entsteht eine einzigartige Form von Visualisierung, die für Vorträge, Webpräsentation, Anträge, Poster und Publikationen eingesetzt werden kann, um Interesse bei Kolleginnen/Kollegen, Förderstellen oder auch der Öffentlichkeit zu wecken. Durch diese Art der Vermittlung entsteht vielfältiges Feedback in Form von Fremdexpertise, öffentlichem Diskurs bis hin zu finanzieller Förderung. Speziell Bezugnahmen durch andere Disziplinen und die Öffentlichkeit ermöglichen Synergien und damit die Einbindung des eigenen Forschungsthemas in einen neuen, größeren Kontext.

Darüber hinaus wirkt sich die visuelle Reflexion mit Team-Kolleginnen/-Kollegen auch auf sozialer Ebene aus. Zeichnen ist ein intuitiver Vorgang, denn Bilder werden intuitiv verstanden. Die Kolleginnen/Kollegen erleben sich und ihr Wissen deshalb innerhalb eines mitfühlenden Prozesses. Das stärkt ihre Kooperationsbereitschaft und das „Wir-Gefühl”. Gleichzeitig erweitert das Team seine Kommunikationsfähigkeiten – sowohl nach innen als auch nach außen. Verstanden zu werden und Feedback zu bekommen, ist immer ein gutes Gefühl und motiviert.

Nicht zuletzt gibt es die transdisziplinäre Ebene: Durch die Visualisierung werden verschiedenste Themen verknüpfbar bzw. kann zwischen verschiedensten Disziplinen kommuniziert werden. Dieser Effekt liegt mir besonders am Herzen, denn ich glaube daran, dass übergreifendes Denken und Handeln der Schlüssel für viele Fragen ist.

Mit welchen Institutionen und Wissenschaftsbereichen hast Du schon zusammengearbeitet? Wie waren die Ergebnisse und Rückmeldungen der Teilnehmer?
Bisher habe ich mit einigen Gruppen des Fachbereichs Biologie an der Universität Heidelberg gearbeitet und enorm gutes Feedback bekommen. Von „Ich habe gemerkt, wie schwer es ist, biologische Forschung von einer außenstehenden Perspektive zu betrachten; und gleichzeitig, wie einfach es ist, mit Thinking Hands, die Forschungstehmen anderer zu begreifen,” über „Ich hatte von mir selbst nicht erwartet derart aktiv und kollaborativ zu sein,” bis zu „Der Workshop hat gezeigt, dass wir oft in Details versinken und dabei die Kernfrage übersehen,” reichten die Kommentare.

Lässt sich „Thinking Hands“ auch in anderen Bereichen und für andere Zielgruppen einsetzen?
Ja, ganz sicher. Überall wo Teams an einer gemeinsamen Sache arbeiten, sich besser verständigen und ihr gemeinsames Potenzial ausschöpfen möchten, kann das funktionieren. Beispielsweise in einer Theaterproduktion, einem Architekturprojekt oder in einer Redaktion. Aber auch sozialpolitische Themen können mit „Thinking Hands“ vielperspektivisch angegangen werden. Nicht zuletzt bietet sich das Format auch für den Bereich „Science4Kids“ an.

Wo kann man einen „Thinking Hands“ Workshop buchen? Welche Informationen benötigen Sie im Vorfeld?
Gemeinsam mit meinem Partner, der Markenberatung Brainds, habe ich im ersten Schritt zwei Module speziell für Wissenschaftskommunikation entwickelt. Diese lassen sich mit wenigen „Handgriffen“ für jedwede Art komplexer Teamkommunikation adaptieren.

Wer einen „Thinking Hands“-Workshop buchen möchte, kann mit Brainds oder mit mir in Kontakt treten. Die erste Aufgabe für uns als Workshop-Anbieter besteht in der Regel darin, zunächst ein möglichst plastisches Bild über das Projekt, seine Zielsetzungen und das Teilnehmer-Team zu gewinnen. Dann können wir uns in die Thematik hineindenken und den Workshop möglichst bedarfsgerecht konzipieren.

Warum hast Du Brainds als Partner und Plattform zum Markt hin gewählt?
Mit Brainds habe ich einen Partner, der über viel Erfahrung in der Beratung von Universitäten und Bildungsinstitutionen verfügt und sensibel ist für Kundenwünsche und Praktikabilität. Ich halte das für eine gute Kombination mit mir als freie Künstlerin und Arts-based Forscherin. In unserer Zusammenarbeit treffen Realität und Vision aufeinander. Das entspricht auch dem Prinzip von „Thinking Hands“, das immer und immer wieder die Fragen aufwirft: „Was wissen wir? Und was kann daraus NOCH entstehen?”

Weiterführende Informationen:
Thinking Hands Wissenschafter
Thinking Hands Science 4 Kids
www.stephanieguse.com

Workshop-Anfragen:
office@brainds.com oder stephanie.guse@aon.at